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Buchtipps

 

 

McCann, Colum
Die große Welt

Ich war noch nie wirklich in New York und doch schon das ein oder andere Mal auf literarischem Wege. Zum Beispiel ausgiebig mit John Dos Passos, gerne auch mit Jonathan Lethem oder dem Ehepaar Hustvedt/ Auster und so weiter und so fort. Column McCann nimmt mich nach "Himmel unter der Erde" nun mit "Die große Welt" (im englischen viel schöner: "Let the great world spin") ein 2. Mal dorthin mit. Es ist nicht nur eine Reise gen Westen, sondern auch eine Zeitreise. Nicht so weit, wie in "Himmel unter der Erde", welches ein Ritt durch die New Yorker Welt der ArbeiterInnen und Obdachlosen war, ein Sozialportrait der vorletzten Jahrhundertwende. Die große Welt spielt sich in den 70er Jahren eines New Yorks ab, welches nach wie vor mit großen sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Der Fixpunkt oder besser die Stelle, an welcher der Stein des Romans ins Wasser fällt, bildet ein Hochseiltanz, welcher von Philippe Petit am 7. August des Jahres 1974 auf einem Drahtseil zwischen den Twin-Towers des World Trade Centers getanzt wurde. Rundeherum schwappen zart, aber schlüssig verknüpfte Schicksale, mal in Sichtweite, mal weiter entfernt. Wobei Schicksale ein Pathos anklingen lässt, das in diesem Buch nicht zu finden ist. Die Geschichten haben so viel Boden unter den Füßen, dass weder Sozialkitsch noch dramatische Effekthascherei Platz hat. Ob wir Mutter Tillie und Tochter Jazzlyn auf den Straßenstrich der Bronx folgen, dem irischen Mönch Corrigan, der in seinem radikalen Glauben einer der wenigen ist, der sie mit Respekt behandelt oder seinem Bruder, der ihm in die Staaten folgt auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Wenn wir mit einer Gruppe Mütter beim Kaffee sitzen, wo die Tatsache, dass alle Söhne in Vietnam verloren haben doch nicht die sozialen Unterschiede kaschieren kann oder mit dem mit Drogen kämpfenden Künstlerpäarchen die Flucht aufs Land antreten und sie dabei scheitern sehen. Oder oder oder... Dann bleibt nur die Feststellung, dass sich so die große Welt eben dreht und dass es sich, trotz des durchgehend melancholischen Untertons, doch gut anfühlt sich in Column McCanns New York zu verlieren. [tdlr]

Rowohlt 2009 / € 19,90


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Welt, Wolfgang
Doris hilft

Der beste aktuelle Ruhrpottschreiber mit seinem zweiten Prosawerk über die volle Distanz. Wolfgang Welt legt einen Roman nach, der „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ in nichts nachsteht, und im Prinzip ist es die stringente Fortsetzung der Geschichte seines Alter Ego, das nach Absturz und langer psychischer Erkrankung jetzt in die heimelige Nachbarschaft der Wilhelmshöhe zurückkehrt. Roh, direkt und realitätsnah, aber auch lakonisch und einsilbig erzählt Welt von diesen ganzen kleinen Tragödien in seiner Bochumer Umgebung, von diesem andauernden alltäglichen Scheitern und der unglaublichen Banalität der Dinge, die immer einfach so weitergehen. Der Erzähler nimmt erfolglos Kontakte zu ehemaligen Journalistenkollegen auf, muss sich mit Nachtwächterjobs in der Ruhrlandhalle und im Schauspielhaus zufrieden geben und sitzt in den Eckkneipen seines Viertels, ohne dass das mit der Liebe mal was wird oder wenigstens mal wieder ein Fick an der Reihe ist. Gleichzeitig liest er voller Verehrung Hermann Lenz, während er auf seiner Mansarde sitzt und sich fragt, wann denn endlich sein eigenes Leben als Autor in die Gänge kommt. Welt schafft es erneut, die einfachen Geschichten des Scheiterns und Neuanfangs auf seine ganz eigene Weise zu erzählen, nämlich authentisch und alltagsnah, ohne auch nur annähernd ins Melodramatische abzudriften. [JUT]

suhrkamp 2009 / € 8,50

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Goetz, Rainald
Klage; loslabern

„Sonntag: trödeln. Montag: politblog.de“- „Gegenbild: kürzer. Montag: politblog.de“ Rainald Goetz’ „Klage“ liefert die papierene Form seines Blogs für das mittlerweile eingestampfte Vanity Fair nach, und filigraner, allumfassender und sprachversierter könnte ein Logbuch über die Berliner Republik kaum ausfallen. Tatsächlich ist es eigentlich nur ein Goetzsches Tagebuch – man guckt mit seinem Alter Ego Filme, besucht Ausstellungen, ist Bundestagsbeobachter (was wohl der eigentliche Zweck des Blogs war), ist Getriebener, zieht durch die Kneipen Berlins und vor allem durch die Kultur- und Medienmaschinerie der Stadt. Goetz bewegt sich zwischen Kulturwissenschaft, Popjournaille und Kriegsberichterstatter, wenn er über Rocky Balboa, Tocotronic oder Volker Kauder, über Goethe, Kleist und Hölderlin schreibt. Eine weitere Erzähl- und Reflexionsebene wird durch Kyritz eingeführt, der dem Alter Ego Goetz’ folgt. Neulich gab es ein Doku-Format mit dem Titel „24h Berlin“, welches durch die Kultursender geisterte – Goetz hat für den Zeitraum Februar 2007 bis Juni 2008 alle Gesellschaftsbereiche subjektiv durchleuchtet und dabei Vergleichbares auf extrem hohem Niveau geschaffen. Mit den Formen spielt er dabei beliebig, sein Tagebuch ist eine Mixtur aus Song, Protokoll und Gedicht – oder die leere Zeile. „Später spielen die Kaputten die Musik der letzten Tage.“ - “ let’s dance, schöne grüße, klage.“ „Loslabern“, zweiter Teil der Goetzschen Schlucht-Trilogie, orientiert sich als Herbst 2008-Tagebuch am Vorgänger, ist aber insgesamt mehr von Spontanprosapassagen durchsetzt als das voran gegangene Werk. Insgesamt ist es tagebuchartiger, linearer, der Textgegenstand bleibt der gleiche: Medienjunkie auf Frontbesuch. Dazwischen Fundstücke, sprachliche ready-mades und Alltag. „Traktat über den Tod, Wahn, Sex und Text, LOSLABERN als höchste Textethik“, das trifft es schon ganz gut. Beide Texte orientierten sich an den Großen der deutschsprachigen Popliteratur, Goetz ist einer (der wenigen), der den Anspruch jener adäquat bis in die heutige Zeit umsetzt. [JUT]

Suhrkamp Verlag 2008/2009, € 22,80/ 17,80

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Roth, Philip
Empörung

Das letzte Werk des ewigen Nichtnobelpreisträgers Roth liest sich flott herunter wie eine Novelle, und was ein Entwicklungsroman hätte werden können, scheitert an den Verhältnissen, in die der jüdische Metzgersohn Marcus Messner hineingeboren wird, nämlich in die fünfziger Jahre des Amerika des 20. Jahrhunderts. Der Icherzähler beschreibt aus dem Jenseits, wie er zunächst vor seinem überängstlichen Vater von Zuhause fliehen muss und sich auf einem College in „Winesburg“ wieder findet, wo er die Welt für sich entdecken will, den Sex für sich entdecken will, die Geisteswissenschaft für sich entdecken will, bevorzugt Bertrand Russell. Auf dem Campus aber bleibt er Außenseiter, er versteht die Riten nicht und er kommt in der Liebe nicht so recht voran. Die Verweigerung eines Gottesdienstbesuches sorgt schließlich dafür, dass er vom College fliegt und in den Korea-Krieg eingezogen wird. Der Rest sind zwei hinter der Fleischertheke zurück gebliebene Eltern, die über ein Leben nachdenken, das endet, bevor es angefangen hat. In seinen besten Momenten schafft es dieser Roman, eine Fänger im Roggen-Atmosphäre aufkommen zu lassen, nämlich dann, wenn man sich als Leser voll und ganz mit dem sich am College verirrenden Messner identifiziert. Auch wenn man früh vermutet, welchen Verlauf die Geschichte der tragischen Gestalt Messners nehmen wird, bleibt man doch von Anfang an gebannt bei dem Erzähler – bis er viel zu früh verschwindet. [JUT]

Hanser 2009, / € 17,90

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Vollman, William T.
Hobo Blues

So etwas wie das nachgereichte „On the rails“, wenn man der Verehrung des Autors für Jack Kerouac folgen möchte (was man natürlich unbedingt sollte!). Fünfzig Jahre nach ebenjenem also erzählt William T. Vollmann, hierzulande noch lange nicht ausreichend gewürdigt, von seinem Dasein als Tramp, von dem Nachspüren jenes einstmaligen Traumes US-amerikanischer Freiheit auf den Güterzügen dieses Landes. Ein großes Buch, das sich sowohl geistesgeschichtlich als auch praktisch mit menschlicher Freiheit auseinandersetzt, ein Buch über das Reisen, eines, das über die Möglichkeit eines Anders reflektiert, unterwegs. Vollmann schreibt über harte Pritschen in den Waggons, deren Türöffnung dennoch „jede erdenkliche Möglichkeit“ zu bieten schien, „ganz ohne mephistophelische Tricksereien“; sein Kumpel Steve immer an seiner Seite. Der Reisende hat jede Menge Literatur im Gepäck, Mark Twain, Jean-Jaques Rousseau und Thoreaus Walden werden bemüht, um sich der Bedeutung des Unterwegs zu nähern - Kerouac nicht zu vergessen. Der (Gründungs-) Mythos des US-Amerika wird dabei der dortigen zeitgenössischen Gesellschaft kontrastiv gegenübergestellt. „Wie kann ich ausdrücken, was ich sah, hörte, roch, schmeckte und fühlte, dort in der Terra incognita?“ Sprachlich geradlinig und direkt lässt Vollmann in das Innenleben eines Hobo blicken, auf dem schmalen Grat zwischen hoffnungsvoller Kontemplation und Resignation, was auch die zahlreichen Photos recht gut einfangen. Auf Achse zu sein heißt immer auch seinem Leben zu entkommen, weiß der Ich-Erzähler, und genau diese Erfahrung schildert er in zeitweise brillanten Formulierungen. „Was wird passieren, wenn ich Überall schließlich erreiche?“ Vollmanns Überall auf diesem seinem Ritt liegt irgendwo auf dem Weg, und es schimmert bläulich. [JUT]

Suhrkamp 2009, / € 19,80

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Frings, Matthias
Der letzte Kommunist

Eine großartige Biografie des früheren linken Westdichters, den es aus politischen Gründen an das DDR-Literaturinstitut in Leipzig zieht. Höchstens das Cover, auf dem Schernikau als Dandy und androgyner Engel daherkommt, könnte abschrecken, je nach Schmerzempfinden. Inhaltlich jedoch eine rasante, spannende, unterhaltsame, humorvolle Biografie, wie man sie selten findet. Matthias Frings, einigen vielleicht noch als Liebe Sünde-Moderator ein Begriff, gelingt das Kunststück, drei Biografien gleichzeitig zu erzählen (Ronald Schernikau, Ellen Schernikau (dessen Mutter), seine eigene), was trotz der Orts- und Zeitwechsel erstaunlich gut gelingt und sich sehr flüssig liest. Im Mittelpunkt steht aber natürlich der Schriftsteller Schernikau, dessen Geschichte vom Coming out in der Kleinstadt über die radikale Politisierung in Westberlin bis zu seinem Tode verfolgt wird. Schernikaus Geschichte ist die des ständigen Versuchs der Entwicklung einer politischen Prosa, die der Sehnsucht nach einer andauernden Liebe, die der immerwährenden Auseinandersetzung mit den Gesellschaften Ost/West und mit dem Kalten Krieg. Unglaublich manchmal (offenbar auch für den Autor), mit welch naivem Glauben und welcher Vehemenz Schernikau für den real existierenden Sozialismus eintritt, die dann letzten Endes ja auch dazu führt, dass er die Gegenrichtung einschlug, als im Herbst 89 Tausende Richtung Westen strömten. Unglaublich aber auch, mit welcher Versessenheit er sein Vorankommen als Schriftsteller verfolgt und wie er bis zu seiner HIV-Infizierung nahezu sein gesamtes Leben seinen politischen und literarischen Idealen unterordnet. Frings’ Erzählweise sorgt dafür, dass es einerseits eine Biografie, andererseits aber auch ein Roman über das geteilte Berlin, ein Politroman, ein Subkulturbuch und Roman aus der Schwulenszene ist. Mehr solche Bücher! „Hast ja recht, ich bin eine verdorbene Westschlampe, die den Kommunismus am ehesten in Form von weißrussischen Matrosen mit hohen Wangenknochen schätzt.“ - „Sozialismus“, korrigierte Ronald freundlich, „der Kommunismus wäre die letzte Stufe.“ [JUT]

Aufbau 2009, / € 19,95

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Herrndorf, Wolfgang
In Plüschgewittern

Wer noch ein unterhaltsames Buch für den nächsten Kurzurlaub sucht, meinetwegen auch für die nächste längere Zugreise, dem seien die Plüschgewitter ans Herz gelegt, die uns in die Welt eines dauer-scheiternden und dauer-gescheiterten Mittdreißigers nach Berlin führen, der sich uneingeschränkte Sympathie schon dadurch verdient, dass er sein Umfeld der Karrieristen, Reihenhausbauer und In- und Partypeople mit einer Inbrunst verachtet, die seinesgleichen sucht. Herrndorfs Held schildert seine Laufbahn des Randständigen, angefangen mit Schüchternheit, Pickeln und Erfolglosigkeit beim anderen Geschlecht in der norddeutschen Provinz, um stringent als Mittzwanziger in den Szenekneipen Berlins zu landen, wo er das gleiche in anderer Form vorfindet und sich die gleichen Fragen stellt, die er sich schon als Pubertierender stellte. Der Ich-Erzähler, nicht bereit, diesen ihm vorgelebten Alltag zu akzeptieren, sucht und findet seine Liebe im Alkohol und später dann auch in Form einer Frau, nicht wirklich erfolgreich. Die Liebe und die Anjas und Erikas und Ines’ ziehen am Protagonisten vorbei, auch sonst zeichnet sich keine auch nur irgendwie passable Perspektive ab. Mit dem ‚Fänger im Roggen’ oder mit dem Herren Lehmann kann Herrndorf es vielleicht nicht ganz aufnehmen, wer allerdings Rocko Schamoni und Konsorten liebte, der ist hier gut beraten. „[…] ich muss daran denken […], wann ich das letzte mal so richtig klar im Kopf war. Also richtig klar, wie als Kind, wenn man morgens an einem Sonntag erwacht, wenn noch die Jalousie heruntergelassen ist und das Licht ganz dämmerig, und ich weiß es nicht. Das ist ein bisschen deprimierend.“ [JUT]

rororo 2008, / € 8,95

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Handke, Peter
Die morawische Nacht

Eine der besten Frühjahrserscheinungen 2008! Handke mag vielleicht ein weltentrückter, alter Sack sein, aber einer, der es versteht, dies zu Papier zu bringen und seine Leser zu unterhalten! Und überhaupt: Hat jemand was gegen weltentrückte alte Säcke? Handkes Protagonist und Alter Ego, der „Ex-Autor“, lädt an der Morawia, einem serbischen Fluß, alte Mitreisende, Schriftsteller und Freunde auf sein Hausboot ein und erzählt von einer langen Reise durch Europa. Zunächst führt den Reisenden sein weg auf eine entlegene Insel, auf der er einst seinen ersten Roman schrieb. Über Begegnungen mit früheren Wandergefährten, Treffen mit Schriftstellerkollegen, Maultrommelkonzerte („Weltmaultrommeltreffen“ im „Gasthaus der Namenlosen“), ein Zwiegespräch mit dem Zaubermärchenschreiber Ferdinand Raimund, einen Kongress der Lärmkranken, dem Besuch des Grabs seines Vaters in Deutschland landet der Ex-Autor schließlich in seinem Heimatdorf, wo er die zurückgelegte Strecke seines Lebens reflektiert. Der Selbstmord der Mutter des Protagonisten und seine vermeintliche Schuld daran werden immer wieder thematisiert. Das Motiv der „Entrückung“, vielleicht der ‚Wiederverzauberung’ der Welt, taucht bei Handke immer wieder auf, und in der Tat wirkt das Buch wie ein Episodenmärchen. Was der Ex-Autor auf seiner Reise sieht, ist eben nicht das, was ein normaler Reisender an diesen Stätten sähe. Handkes Nomade zaubert und ver-zaubert ein bisschen, spielt mit Zeiten, Orten und Bewußtseinszuständen. Das macht die Stärke dieses Buches aus und im Gegensatz zu manchen anderen seiner Veröffentlichungen bleibt das Ganze dabei flüssig und lesbar. [JUT]

Suhrkamp Verlag 2008,Taschenbuch Suhrkamp 2009, / € 14,-

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Murakami, Haruki
Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Vielleicht sollte man keinen passionierten Läufer dieses Buch besprechen lassen, denn der wird sagen: „Bestes Buch der letzten Monate, unbedingte Pflichtlektüre“. Leider rezensiert dieses Buch jetzt ein leidenschaftlicher Läufer, und der sagt: „Bestes Buch der letzten Monate, unbedingte Pflichtlektüre“ … Endlich mal ein gutes Buch über’s Laufen!
Was Nick Hornby mit Fever Pitch für die Fussballfans geschaffen hat, schafft Murakami hiermit (wenn auch nicht ganz so ausführlich) für die Laufbegeisterten. Indem er schlicht seine Gedanken, seine Trainingspläne, seine Marathon- und Ultramarathon(!)-Erfahrungen schildert, gelingt es ihm, die Faszination dieses Sports zu erklären, für den man zunächst meist mitleidig bis verständnislos angeblickt wird. Daher kann es auch keinen besseren und passenderen Titel geben. Auch für Nichtläufer dürfte dieses Buch interessant sein, da es immer wieder die Allegorieachse Laufen-Schreiben-Leben gibt. Ein hervorragendes „Sachbuch“, wie immer bei Murakami in romanhaftem Stil – genauso zu empfehlen wie seine anderen Sachbücher Untergrundkrieg (über den U-Bahn-Anschlag von Tokio) und Nach dem Beben (über selbiges … ;). - „Ich laufe, also bin ich.“!
[JUT]

DuMont Verlag, 2008 / € 16,90, Taschenbuch btb, 2010/ € 8,-

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Yates, Richard
Verliebte Lügner

Ein amerikanischer Autor, dem zu Recht gerade die Renaissance widerfährt, die ihm zu Lebzeiten schon zu gönnen gewesen wäre (obwohl, dann wär`s ja keine „Re“naissance..). Und hier das passende Buch mit unterhaltsamen Geschichten des Scheiterns, jedem für zwischendurch, für den Urlaub oder für längere Bahnfahrten zu empfehlen!
Yates erzählt lebensnah und doch immer ein wenig von seinen Figuren distanziert „in bester amerikanischer Erzähltradition“, wie dann gerne gesagt wird. Ihm gelingt es aber tatsächlich, ähnlich wie Raymond Carver, Charles Bukowski oder T.C. Boyle, den Leser in seinen Short Stories bei der Stange zu halten, eine kurze Geschichte mit einem dezenten Plot zu versehen oder sie eben so im Raume verhallen zu lassen, dass einen ein kurzes Innehalten befällt.
Wir landen direkt in der Familie einer Künstlerin, die die Chance nicht nutzen kann, eine Skulptur in Präsident Roosevelts Haus zu meißeln, wir begleiten einen amerikanischen GI bei vergeblichen Versuchen, seine Jungfräulichkeit ad acta zu legen, wir sehen einer Prostituierten zu, die durch zwanghaftes Lügen eine Liebe auf’s Spiel setzt. Beste nüchtern-realistische Literatur, ebenso wie sein viel gelobtes Frühwerk Zeiten des Aufruhrs gerade wieder erschienen.
[JUT]

Deutsche Verlags Anstalt, 2007 / € 19,90
Taschenbuch btb, 2009 / € 9,-

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Peltzer, Ulrich
Teil der Lösung

Als einer der herausragenden Romane des Herbstes 07 gefeiert, und das völlig zu Recht! Peltzer, zuvor durch die Romane Bryant Park und Alle oder keiner bekannt geworden, erzählt mit Teil der Lösung sowohl eine politische, als auch eine Liebes- und Zeitgeschichte. Und wenn man zwischen den Genres trennt, hat man eine erstklassige, schöne Liebesgeschichte, einen tollen Zeitroman und einen immer noch durchschnittlichen bis guten Politkrimi.
Peltzer steigt ein mit George Orwell am Potsdamer Platz, in Überwachungskameraperspektive steigen wir ins Romangeschehen ein, allein die Schilderungen des Flanierens durch postmoderne, ständig fluktuierende und rotierende Meilen sind den Kauf des Buches Wert. Protagonist ist Christian, Gelegenheitsjournalist, der die Story des europäischen Linksterrorismus der 70er aufarbeiten will und so ein Treffen mit einem Ex-Aktivisten der Roten Brigaden in Paris vorbereitet. Gleichzeitig verliebt er sich in Nele, eine junge Studentin, die in den gegenwärtigen akademischen Strukturen eine Rückkehr des aktiven Widerstandes vergeblich sucht und sich zunehmend radikalisiert.
Abgesehen davon, dass die Charaktere z.T. etwas stereotyp gezeichnet sind (Christian als digitaler Bohemian, Nele, die intelligente, aber halbgare Studentin, der Gescheiterte, der Karrierist etc.), ist dies ein vielschichtiger Roman, wie man ihn selten findet, darüber hinaus sprachlich gut und hervorragend komponiert, immer zwei zeitliche Ebenen bedienend, was hieß es „damals“, gegen den Staat zu opponieren, und was bedeutet dies heute und gegen wen richtet es sich. „Schiefzuliegen ist normal, die Verhältnisse erfordern das geradezu.“
Unbedingte Empfehlung!
[JUT]

Ammann Verlag, 2007 / € 19,90
Taschenbuch Rowohlt, 2009 / € 11,-

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